Von der Fettchemie zu Solaris
Die Geschichte eines Industriestandortes

Die Gründerjahre Ende des 19. Jahrhunderts ließen im sächsischen Chemnitz viele Industriebetriebe entstehen. Hermann Theodor Böhme gründete 1881 eine Drogen- und Farbenhandlung. Daraus wurde schnell ein großer Betrieb. 1909 entstand eine Aktiengesellschaft, die an der Neefestraße eine chemische Fabrik errichtete. Die Textilindustrie bot gute Absatzchancen, es wurden Appreturmittel, Textilöl und Seifen produziert.

Mit der Hochkonjunktur Anfang der zwanziger Jahren wurde die Forschung verstärkt, ein Laboratorium und eine Versuchsfärberei gegründet. Forschungen an Fettalkoholen führten 1932 zur Entdeckung des ersten synthetischen Waschmittels der Welt - Fewa - durch den Chemiker Dr. Heinrich Bertsch. Mit dem Erwerb von Anteilen durch die Düsseldorfer Firma "Henkel" entstand 1934 die "Böhme Fettchemie GmbH".

Im zweiten Weltkrieges wurden sogenannte "kriegswichtige Produkte" produziert: Leder- und Textilhilfsmittel für die Armee und Ersatzprodukte für die Bevölkerung. Im Juni 1945 übernahm Dr. Bertsch die Leitung des teilweise zerstörten Betriebes und brachte die Produktion wieder in Gang. Vor allem Seifen und Waschmittel waren gefragte Produkte.

Später wurde die Firma in einen volkseigenen Betrieb (VEB) umgewandelt. Pflanzenschutzmittel und synthetische Gerbstoffe wurden in die Produktion aufgenommen. In den fünfziger Jahren entwickelte sich der Betrieb zum Hauptproduzenten von Textil-, Leder- und Papierhilfsmitteln der ehemaligen DDR. Große Bedeutung erlangten Produkte wie "Fit", "Fewa" oder "Avistat".

Die Produktion stieß bald auf Grenzen. Veraltete Anlagen, begrenztes Territorium und Umweltschutz hätten umfangreiche Investitionen erfordert. Hinzu kam, dass ehemals am Stadtrand gelegene Gelände nun von Wohnsiedlungen eingeschlossen wurde. Umweltbelästigungen waren keine Seltenheit. Die der politische Wende von 1989 ging auch an der Fettchemie nicht vorbei. 1990 wurde die Umwandlung des volkseigenen Betriebes in eine Kapitalgesellschaft vollzogen. Der schlechte baulichen Zustand und die ungünstige Lage schreckte Investoren ab. Der Standort an der Neefestraße wurde durch die Treuhandanstalt als nicht sanierungswürdig eingestuft, viele Arbeitsplätze gingen verloren.

Eine europaweite Ausschreibung des 8,5 ha großen Areals führte 1992 viele Interessenten nach Chemnitz. Die Frage nach Altlasten wurde als nicht gravierend bezeichnet. Diese Aussage entsprach aber - wie wir heute wissen - nicht den wirklichen Tatsachen. Den Zuschlag bekam ein Konzept zur Revitalisierung des Standortes. Es hieß Solaris.
In Zusammenarbeit mit vielen Partnern wurde der Rückbau, die Altlastensanierung, die Neuerschließung und Neubebauung des Areals organisiert. Eine Reihe von neuen Gebäuden entstand, u.a. der Solaris-Turm, der heute die Stadtsilhouette prägt. Die vielfältigen Aktivitäten und Lösungsansätze zur Wiederbelebung der Industriebrache "Ehemalige Fettchemie" führten 1999 zur Anerkennung von Solaris als weltweites Projekt der EXPO 2000 Hannover, eine Auszeichnung die zeigt, dass Solaris auf dem richtigen Weg ist.

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